18. Oktober 2026 · 2 Min.
Unser Wissen darf nicht mit uns in Pension gehen
„Das hat der Chef im Gefühl.“ Ein solcher Satz klingt zunächst nach einem Kompliment. Nach Erfahrung, nach Sicherheit, nach jemandem, der sein Handwerk beherrscht. Für einen Betrieb steckt darin allerdings auch eine ziemlich unangenehme Frage: Was passiert, wenn der Chef einmal nicht da ist?
Eine Rezeptur lässt sich aufschreiben. Schwieriger wird es bei dem Wissen dazwischen. Woran erkenne ich, dass ein Rohstoff heute anders reagiert? Wann muss ich einen Ablauf anpassen? Was sehe, rieche oder fühle ich, bevor eine Zahl auf dem Display bestätigt, dass etwas nicht stimmt?
Genau dieses Wissen macht Erfahrung wertvoll. Aber es wandert nicht automatisch weiter, nur weil jemand lange genug danebensteht.
Wer einen Arbeitsschritt vormacht, zeigt zunächst, was er tut. Ob der andere auch versteht, warum er es tut, ist eine andere Frage. „Bis es passt“ hilft einem erfahrenen Kollegen vielleicht weiter. Einem Lehrling erklärt es ziemlich wenig. Der muss erst lernen, woran „passt“ überhaupt zu erkennen ist.
Für mich liegt darin eine wichtige Aufgabe der Ausbildung und der Betriebsführung. Wir müssen unser eigenes Können genauer betrachten, wenn wir es weitergeben wollen. Welche Merkmale prüfe ich? Welche Entscheidung treffe ich daraus? Und was müsste anders sein, damit ich anders entscheide?
Das kostet Zeit. Gerade dann, wenn man etwas selbst in wenigen Minuten erledigen könnte. Trotzdem lohnt sich die Frage, warum dieselbe Rückfrage seit Monaten immer wieder beim Chef landet. Vielleicht fehlt dem Mitarbeiter keine Motivation, sondern ein Stück Erklärung. Vielleicht hatte er auch noch nie die Gelegenheit, die Entscheidung selbst zu treffen und anschließend zu besprechen.
Ein sinnvoller Anfang wäre, jede Woche einen solchen Ablauf gemeinsam durchzugehen. Vormachen, die Überlegungen dazu aussprechen und den anderen anschließend selbst arbeiten lassen. Eine kurze Notiz oder ein Video kann helfen. Entscheidend bleibt das Gespräch darüber, was gelungen ist und woran man es erkennt.
Dabei geht es auch um das Selbstverständnis der erfahrenen Fachleute. Wer sein Wissen teilt, verliert damit nicht seinen Wert. Er schafft die Voraussetzung dafür, Verantwortung abgeben zu können.
Wir sprechen bei einer Betriebsübergabe über Räume, Maschinen und Kunden. Genauso konkret sollten wir darüber sprechen, wer das Können übernimmt, das diesen Betrieb ausmacht.
Der letzte Arbeitstag ist dafür ein ziemlich schlechter Anfang.

